Hitori – Haiku der Einsamkeit

Kein Wort taucht in Santōkas Haiku häufiger auf als »hitori« – allein. Es ist nicht nur ein Zustand, es ist sein Lebensgefühl. Der wandernde Mönch, der niemanden hat, der nirgendwo hingehört, der durch Japan zieht wie ein Blatt im Wind.

Hitori – Haiku der Einsamkeit

Seine Einsamkeit ist keine romantische Zurückgezogenheit. Sie ist real, oft schmerzhaft, manchmal erdrückend. Und doch: Er beklagt sie nicht. Er stellt sie fest, wie man das Wetter feststellt.

Die nackte Feststellung

Schnee fällt
jeder geht
allein

Drei Zeilen, drei Tatsachen. Der Schnee fällt auf alle gleich. Und doch geht jeder seinen eigenen Weg, für sich, getrennt von den anderen.

die Zikaden zirpen –
ich bin
allein

Die Zikaden machen Lärm, um Partner anzulocken. Santōka hört ihnen zu – allein. Der Kontrast braucht keine Erklärung.

die Krähe krächzt –
auch ich bin
allein

Die Krähe ist ein klassisches Symbol für Einsamkeit in der japanischen Dichtung. Santōka stellt sich neben sie, als Gleichgestellter.

Die körperliche Einsamkeit

allein
und von Mücken
gefressen

Ironie, Selbstaufgabe, das Geschehen hinnehmen. Die Mücken sind wenigstens da. Sie zeigen Interesse an ihm – wenn auch nur als Nahrungsquelle.

allein wärme ich mich
allein schlafe ich auch

Keine Dramatik. Nur die schlichte Feststellung: Es ist niemand da, der wärmt. Es ist niemand da, neben dem man schläft.

mein Husten endet nicht –
keine Hand klopft
mir den Rücken

Dieses Haiku trifft physisch. Jeder kennt das Gefühl, wenn man krank ist und niemand da ist. Bei Santōka ist es nicht Selbstmitleid, sondern Beobachtung.

Die Einsamkeit der Natur

nicht die geringste Wolke –
der Himmel ist
einsamer denn je

Die völlige Leere am Himmel wird zur Metapher für seine eigene innere Leere. Der Himmel ist nicht nur leer, er ist einsam – als hätte er Gefühle.

schnurgerade die Straße –
nur Einsamkeit

Kein Mensch, keine Ablenkung. Nur die Straße, die sich endlos vor ihm erstreckt. Die Leere macht die Einsamkeit fast greifbar.

kein Mensch begegnet mir –
der Weg ist
holprig

Die Abwesenheit anderer Menschen verbindet sich mit der Beschaffenheit des Weges. Beides ist unbequem, beides ist Realität.

Einsamkeit und Akzeptanz

weinend, lachend –
es ist egal
allein

Es gibt keinen Zuschauer, keinen Zeugen. Die Wechsel zwischen Lachen und Weinen sind bedeutungslos, weil niemand sie wahrnimmt.

hoffnungslos –
ich gehe
weiter

Eines seiner eindringlichsten Haiku. Keine Hoffnung, und doch: Er bleibt nicht stehen. Er geht weiter, weil es nichts anderes gibt.

kein Wunsch zu leben,
kein Wunsch zu sterben –
nur der Wind rührt mich

Völlige Indifferenz gegenüber dem eigenen Schicksal. Nur der Wind – etwas Äußeres, Unbeeinflussbares – bewegt ihn noch.

Die Einsamkeit am Ende des Tages

müde kehre ich heim –
nichts als der Mond
am Himmelsrund

Er kommt »heim« – aber wohin? Zu einer Hütte, einem Gasthaus, einem Platz unter freiem Himmel. Der Mond ist sein einziger Begleiter.

jeder hat ein Haus
zu dem er heimkehrt –
abendliches Treiben

Er beobachtet die anderen, wie sie nach Hause gehen. Er selbst hat keines. Das »abendliche Treiben« schließt ihn nicht ein.

auch heute kam niemand –
Glühwürmchen.

Lakonischer geht es nicht. Niemand kam. Aber die Glühwürmchen sind da. Ist das ein Trost? Ein bitterer Witz? Beides?

Das Paradox der Einsamkeit

der Mond kommt näher –
ich betrachte ihn
allein

Hier ist die Einsamkeit nicht nur Last, sondern auch Voraussetzung. Nur allein kann er den Mond so betrachten, so nah, so ungestört.

es gibt nur diesen Weg –
und ich gehe
ihn allein

Jeder hat seinen eigenen Weg. Das ist keine Klage, sondern Einsicht. Es geht nicht anders.


Santōkas Einsamkeit ist nicht selbstgewählt, aber er hat gelernt, sie zu tragen. Seine Haiku beklagen sie nicht – sie benennen sie. Und genau darin liegt eine seltsame Würde. Er ist allein, ja. Aber er ist es mit offenen Augen.

Die im Beitrag zitierten Haiku stammen aus dem Buch: Kein Geld keine Habe ohne Zähne ganz allein – Harsche Haiku von Taneda Santoka. Sie wurden 2025 neu übersetzt und herausgegeben von Lenny Löwenstern in der Edition Hoshitori.