Eine schwarze Bettelschale füllt sich auf einer bemoosten Steinstufe mit kaltem Regen, dahinter unscharf ein nebliger Bergpfad und Zedernstämme, Laub in den Pfützen.

Taneda Santōka · 1882 – 1940

Haiku von Taneda Santōka

Haiku von Taneda Santōka

Taneda Santōkas Poesie spricht bis heute zu uns, weil sie radikal ehrlich ist, existenziell einfach, nichts erzwingt und keine Antworten vorgibt. Genau das fehlt in unserer Zeit. In einer Welt, die von Informationsflut, ständiger Selbstoptimierung und digitaler Reizüberflutung geprägt ist, zeigt uns Santōka, dass es auch anders geht: das Gehen ohne Ziel, das Sehen ohne Ablenkung, das Akzeptieren ohne Widerstand.

Ein einsamer Mönch mit Strohhut steht von hinten gesehen am Rand einer weiten herbstlichen Ebene aus trockenem Pampasgras, das sich unter grauem Himmel im Wind biegt.

Seine Haiku handeln nicht von großen Ideen oder komplizierten Gedanken, sondern vom Moment selbst. Regen, der einen durchnässt; Wasser, das man trinkt; Blätter, die fallen und nicht fallen. Sie feiern das Leben in seinen harschen und manchmal bitteren Momenten.

Bitte beachte die veränderte Rechtschreibung. Um Santōkas kargem Stil gerecht zu werden, verzichte ich auf die meisten Satzzeichen und einen Teil der Großschreibung. Das gilt selbstverständlich nur für die Haiku.

In seinen Versen spiegelt sich eine einzigartige Mischung aus Einfachheit, Ironie und tiefer Verbundenheit zur Natur wider. Santōkas Werke sind modern, klar und durchdrungen von einer melancholischen Akzeptanz des Lebens. Sie sind das bleibende Vermächtnis eines Nonkonformisten und Außenseiters.

月が昇つて何を待つでもなく
tsuki ga nobotte nani o matsu demo naku

der Mond steigt auf –
ich erwarte
nichts

Santōkas Haiku haben nicht selten eine fast resignierte Stimmung. Es gibt aber auch Momente von stiller Freude und Anflüge von Glück. So vereinen seine Haiku oft scheinbar gegensätzliche Stimmungen. Sie spiegeln die Tragik eines gescheiterten Lebens wider und wirken dabei zutiefst menschlich und ehrlich.

雪へ雪ふるしづけさにをる
yuki e yuki furu shizukesa ni oru (1933)

Schnee fällt auf Schnee –
in der Stille
bin ich

Trinken / Sternhagelallein

一杯やりたい夕焼空
ippai yaritai yūyake-zora (1931)

ein Schluck
Sake jetzt …
roter Abendhimmel

ぼろ売って酒買うてさみしくもあるか
boro utte sake kōte samishiku mo aru ka

Lumpen verscherbelt,
Sake gekauft –
und trotzdem einsam?

yoenakunatta mijimesa wa kōrogi ga naku

nicht mehr trinken können –
in all dem Elend
zirpen Grillen

酔いざめの風のかなしく吹きぬける
yoi zame no kaze no kanashi-ku fuki nukeru

Ernüchterung –
ein trauriger Wind
weht durch mich hindurch

Mehr Verse über Sake, Kater und Reue: Sake, Rausch und Reue – Santōkas Trinkverse.

Wandern / Kein Ziel, kein Halt

秋風あるいてもあるいても
aki kaze aruite mo aruite mo (1939)

Herbstwind –
ich gehe
und gehe

降るままぬれるままで歩く
furu mama nureru mama de aruku

Es regnet,
ich werde nass –
ich gehe.

歩きつづける彼岸花咲つづける
arukitsuzukeru higanbana sakitsuzukeru

Ich gehe weiter –
die Totenblumen
blühen allweil.

雨だれの音も年とつた
amadare no oto mo toshi totta

selbst der Klang
der Regentropfen
ist alt geworden

Wo er überall unterwegs war, steht in Santōkas Wanderrouten, und wie es sich anfühlt, nass bis auf die Haut, in Regen, Schnee und Wind.

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Warum Santōka keine Silben zählte, erklärt Freie Haiku. Sein häufigstes Wort ist »allein«, dazu gibt es eine eigene Sammlung: Hitori – Haiku der Einsamkeit. Kirschblüten, Zikaden, Kakis und Schnee stehen in Santōkas Jahreszeiten, und was das alles mit Schönheit im Zerfall zu tun hat, in Wabi-Sabi bei Santōka.

Diese und insgesamt 250 Haiku, dazu Tagebucheinträge, stehen im Buch »Kein Geld keine Habe ohne Zähne ganz allein«.