Ein kleines abgegriffenes Heft mit ausgefranstem Stoffeinband, mit Schnur verschnürt, liegt auf einem nassen Stein am Bergpfad, darauf ein Tuschepinsel, daneben verschlammte Strohsandalen, Regentropfen.

Haiku & Themen · 2. November 2026 · 3 Min. Lesezeit

Wie Santōka schrieb – Sprache, Rhythmus, Wiederholung

Wie Santōka schrieb – Sprache, Rhythmus, Wiederholung

Santōkas Haiku wirken einfach – aber diese Einfachheit ist das Ergebnis eines unverwechselbaren Stils. Seine Sprache ist karg, direkt, oft fragmentarisch. Er verwendet Wiederholungen, lässt Verben weg, schreibt, als würde er Notizen in sein Tagebuch kritzeln. Wer seinen Stil versteht, liest seine Haiku tiefer.

Die freie Form

Santōka schrieb keine traditionellen 5-7-5-Haiku. Er gehörte zur Bewegung des freien Haiku (Jiyūritsu Haiku), die sein Lehrer Ogiwara Seisensui mit der Zeitschrift Sōun maßgeblich prägte.

Seine Haiku sind mal deutlich kürzer, mal länger als die klassischen siebzehn Silben. Die Form folgt dem Inhalt, nicht umgekehrt. Wenn ein Gedanke kurz ist, ist das Haiku kurz. Wenn er sich wiederholt, wiederholt sich das Haiku.

降るままぬれるままで歩く
furu mama nureru mama de aruku

es regnet
ich werde nass –
ich gehe

Kein überflüssiges Wort. Drei Feststellungen, drei Zeilen. Das ist alles.

Die Wiederholung

Eines der auffälligsten Stilmittel Santōkas ist die Wiederholung. Er wiederholt Wörter, manchmal ganze Phrasen, um Rhythmus zu erzeugen oder eine Empfindung zu verstärken.

分け入つても分け入つても青い山
wakeittemo wakeittemo aoi yama (1926)

weiter und immer
weiter hinein –
die grünen Berge

Das »weiter und immer weiter« entspricht dem monotonen Rhythmus des Gehens. Man spürt die endlose Bewegung.

安か安か寒か寒か雪雪
yasuka yasuka samuka samuka yuki yuki

ruhig ruhig
kalt kalt
Schnee Schnee

Hier ist die Wiederholung fast meditativ. Die Wörter sind gedoppelt wie Atemzüge in der Kälte.

酔ひざめの花がこぼれるこぼれる
yoi hi zame no hana koboreru koboreru (1935)

aus dem Rausch erwacht –
Blüten fallen
fallen

Das wiederholte »fallen« verstärkt das Gefühl des unaufhaltsamen Vergehens.

Die Ellipse

Santōka lässt oft Wörter weg – Subjekte, Verben, Verbindungen. Seine Haiku sind fragmentarisch, wie hingeworfene Notizen.

質草一つ出したり入れたりして秋
shichigusa hitotsu dashitari iretari shite aki

verpfändet
ausgelöst
Herbst!

Drei Wörter, kein Satz. Der Kreislauf der Armut in minimaler Form.

朝焼夕焼食べるものがない
asa-yake yū-yake taberu mono ga nai

Morgenröte, Abendröte
nichts zu essen

Keine Verben, nur Bilder und ein Zustand. Die Schönheit des Himmels, die Leere des Magens.

Die Mündlichkeit

Santōkas Sprache ist nicht literarisch im klassischen Sinn. Sie klingt mündlich, fast umgangssprachlich. Er schreibt, wie er denkt – oder wie er mit sich selbst spricht.

samishii yoru no amarimono no taberu nado

einsame Nacht –
Reste essen eben

Das »eben« am Ende ist typisch mündlich – eine Partikel, die Resignation ausdrückt, ohne sie auszusprechen.

炎天をいただいて乞ひ歩く
enten o itadaite koi aruku (1926)

die Sonne glost
sei’s drum …
betteln, wandern

»Sei’s drum« – ein Schulterzucken in Worten. Umgangssprachlich, lakonisch, typisch Santōka.

Die Körperlichkeit

Santōkas Haiku sind oft körperlich, fast physisch greifbar. Er beschreibt nicht nur, was er sieht, sondern was er spürt – Nässe, Kälte, Hunger, Müdigkeit.

笠へぽたりぽたりとしぐれかな
kasa e potari potari to shigure kana

auf meinen Hut
tropft und tropft es –
Winterregen

Man hört das Tropfen, spürt die Kälte. Mehr davon in Regen, Schnee und Wind. Das Haiku ist nicht nur Bild, sondern Erfahrung.

ひとりで蚊にくはれてゐる
hitori de ka ni kuwarete iru

allein
und von Mücken
gefressen

Das »Gefressenwerden« ist körperlich, unangenehm, real. Kein poetisches Bild, sondern eine Feststellung.

Die Lakonie

Über allem liegt eine grundlegende Lakonie. Santōka beklagt nicht, er erklärt nicht, er philosophiert nicht. Er stellt fest.

どうしようもない私が歩いている
dōshiyōmo nai watashi ga aruite iru (1930)

hoffnungslos –
ich gehe
weiter

Keine Hoffnung, und doch: Er geht weiter. Das ist alles. Kein Kommentar, keine Reflexion.

死にたくも生きたくもない風が触れてゆく
shinitaku mo ikitaku mo nai kaze ga furete yuku (1933)

kein Wunsch zu leben,
kein Wunsch zu sterben –
nur der Wind rührt mich

Völlige Indifferenz, lakonisch ausgedrückt. Die Leere als Zustand, nicht als Drama.


Santōkas Stil ist unverwechselbar: karg, direkt, körperlich, lakonisch. Er schreibt nicht über das Leben – er schreibt das Leben. Seine Haiku sind Momentaufnahmen, hingeworfen, ungeschönt. Genau das macht sie so wirkungsvoll.

Weiterführende Links

Die im Beitrag zitierten Haiku stammen aus dem Buch: Kein Geld keine Habe ohne Zähne ganz allein – Harsche Haiku von Taneda Santoka. Sie wurden 2025 neu übersetzt und herausgegeben von Lenny Löwenstern in der Edition Hoshitori.