Santōka war ein Erneuerer des Haiku, der sich bewusst von den klassischen Regeln abwandte. Kein festes 5-7-5-Silbenschema, oft kein Jahreszeitenwort (Kigo). Und doch: Die Jahreszeiten durchziehen sein Werk wie ein roter Faden. Kirschblüten im Frühling, Zikaden im Sommer, Kakis im Herbst, Schnee im Winter – er beobachtete den Kreislauf der Natur mit wachen Augen.

Seine Jahreszeiten-Haiku sind keine idyllischen Naturbilder. Sie sind Momentaufnahmen eines Lebens unter freiem Himmel, in dem das Wetter, die Pflanzen, die Tiere unmittelbare Erfahrungen waren.
Frühling
harukaze no nara no ha no sukkari ochita (1935)
Frühlingswind –
die letzten Eichenblätter
sind gefallen
Der Frühling beginnt nicht nur mit neuem Grün, sondern auch mit dem endgültigen Ende des Alten. Der Wind nimmt die letzten Reste des Winters mit.
überall Pflaumenblüten –
soll ich nach Süden?
oder nach Norden?
Die Blüten sind überall. Die Richtung ist egal – oder unmöglich zu wählen. Ein Moment schöner Orientierungslosigkeit.
die Tür öffnet sich
im Frühlingswind –
Namu Amida Butsu
Der Wind öffnet die Tür, als wäre es ein Zeichen. Das buddhistische Gebet folgt wie eine natürliche Reaktion.
春の雪ふる女はまことうつくしい
haru no yuki furu onna wa makoto utsukushii (1936)Frühlingsschnee fällt –
die Frauen sind
wirklich schön
Ein überraschend sinnliches Haiku. Die Frauen im leichten Frühlingsschnee – ein Bild von flüchtiger Schönheit.
sakura saite sakura chitte odoru odoru
Kirschblüten blühen
Kirschblüten fallen –
dann tanzen sie
Die Vergänglichkeit der Kirschblüten ist das klassischste aller japanischen Motive. Santōka fügt eine Bewegung hinzu: das Tanzen. Die fallenden Blüten sind nicht traurig, sie sind lebendig.
Sommer
人に逢はなくなりてより山のてふてふ
hito ni awanakunarite yori yama no tefutefuseit ich keine Menschen mehr treffe –
nur noch Sommervögel
in den Bergen
Die Sommervögel (Schmetterlinge) ersetzen die menschliche Gesellschaft. Ob das ein Gewinn oder ein Verlust ist, bleibt offen.
kühler Wind –
Bienen und Libellen
ziehen mit
Die Bewegung der Insekten und des Windes verschmelzen. Alles zieht in dieselbe Richtung – auch er.
die Tiefe des Himmels –
abgesunkenes Laub
im Wasser
Ein sommerliches Bild mit herbstlicher Vorahnung. Das Laub ist schon im Wasser, obwohl der Sommer noch dauert.
Zikadensirren Zikadensirren –
endlich gehe ich
Reis einkaufen
Das typische Geräusch des japanischen Sommers als Hintergrund für eine alltägliche Handlung. Die Wiederholung verstärkt die Hitze, die Trägheit.
Herbst
Der Herbst war Santōkas Jahreszeit. Er taucht am häufigsten in seinen Haiku auf – wohl auch, weil er ihn als Wanderer am intensivsten erlebte.
mizu no aji mo mi ni shimu aki to naru
der Geschmack des Wassers …
es ist Herbst geworden
Selbst das Wasser schmeckt anders im Herbst. Der Wanderer bemerkt den Wechsel der Jahreszeit im Geschmack.
ochitsuite kaki mo urete kuru
gleichmütig –
auch die Kakifrüchte
reifen
Die Kakis reifen, ob er hinschaut oder nicht. Die Natur folgt ihrem Rhythmus, unbeirrt von menschlichen Sorgen.
笠へぽつとり椿だつた
kasa e pottori tsubaki datta (1932)auf meinen Strohhut
ploppte eine
Kamelienblüte
Ein kleiner, überraschender Moment. Die Kamelie fällt als ganze Blüte – schwer genug, um auf dem Hut zu ploppen.
Herbstniesel –
die Buchstaben auf dem Wegweiser
ich kann sie nicht lesen
Der Regen auf seiner Brille, die Nässe, die Unschärfe. Eine alltägliche Unbequemlichkeit, lakonisch festgestellt.
家を持たない秋がふかうなるばかり
ie wo motanai aki ga fukau naru bakarikein Zuhause –
der Herbst wird
zunehmend spürbarer
Je weiter das Jahr voranschreitet, desto härter wird das Leben ohne feste Bleibe. Der Herbst ist keine romantische Jahreszeit für einen Obdachlosen.
Winter
yuki no akarusa ga ie ippai no shizukesa
die Helligkeit des Schnees
füllt das Haus –
Stille
Ein seltener Moment der Schönheit und Ruhe. Der Schnee bringt Licht und Stille zugleich.
fuyu ga kite iru kigire takegire
der Winter kommt –
zerbrochenes Holz
verstreuter Bambus
Die Ankunft des Winters wird nicht durch Schnee angezeigt, sondern durch das, was übrig bleibt: Trümmer, Reste, Kargheit.
安か安か寒か寒か雪雪
yasuka yasuka samuka samuka yuki yukiruhig ruhig
kalt kalt
Schnee Schnee
Minimalistisch, fast meditativ. Die Wörter sind gedoppelt wie Atemzüge in der Kälte.
Der Kreislauf
何が何やらみんな咲いてゐる
nani ga nani yara minna saite iruwas immer sie sind –
sie blühen
alle
Egal, wie die Pflanzen heißen, egal, welche Jahreszeit es ist – alles blüht, alles vergeht, alles kehrt wieder.
木の葉散る歩きつめる
konoha chiru aruki tsumeruBlätter fallen –
ich laufe
immer weiter
Die Blätter fallen, er geht weiter. Zwei parallele Bewegungen, die sich nie treffen. So ist der Herbst, so ist das Leben.
Santōka beobachtete die Jahreszeiten nicht aus der Ferne. Er lebte in ihnen, war ihnen ausgesetzt, wurde von ihnen geformt. Seine Haiku sind keine Kalenderbilder, sondern körperliche Erfahrungen – der Geschmack des Herbstwassers, das Ploppen einer Kamelie auf dem Hut, die Kälte des Schnees auf der Haut.
Die im Beitrag zitierten Haiku stammen aus dem Buch: Kein Geld keine Habe ohne Zähne ganz allein – Harsche Haiku von Taneda Santoka. Sie wurden 2025 neu übersetzt und herausgegeben von Lenny Löwenstern in der Edition Hoshitori.
