Ogiwara Seisensui – Der Lehrer

Ohne Ogiwara Seisensui hätte es Santōkas freie Haiku nicht gegeben. Seisensui war der Lehrer, der Mentor, der Herausgeber – derjenige, der die Regeln brach, damit andere wie Santōka ihnen folgen konnten.

Ogiwara Seisensui – Der Lehrer

Der Erneuerer

Ogiwara Seisensui wurde 1884 geboren, zwei Jahre nach Santōka. Er studierte an der Kaiserlichen Universität Tokio und wurde früh Teil der literarischen Avantgarde.

Das traditionelle Haiku war ihm zu eng. Die starre 5-7-5-Silbenstruktur, das verpflichtende Jahreszeitenwort (Kigo), die festgelegten ästhetischen Prinzipien – all das empfand er als Fesseln, die das Haiku erstickten.

1911 übernahm er die Zeitschrift Sōun (»Schichtenwolken«) und machte sie zum Sprachrohr einer neuen Bewegung: des freien Haiku, auf Japanisch Jiyūritsu Haiku.

Die Revolution

Seisensuis These war radikal: Ein Haiku braucht keine feste Silbenzahl. Es braucht kein Jahreszeitenwort. Es braucht nur eines – den unmittelbaren Augenblick, die echte Empfindung, die unverfälschte Wahrnehmung.

Er schrieb selbst Haiku in dieser neuen Form und veröffentlichte die Werke anderer, die seinem Beispiel folgten. Die Sōun wurde zur Heimat einer ganzen Generation von Dichtern, die mit den alten Regeln brachen.

Einer dieser Dichter war Taneda Santōka.

Lehrer und Schüler

Santōka stieß um 1911 zur Sōun-Bewegung. Er war damals Ende zwanzig, noch kein Mönch, noch kein Wanderer – aber bereits ein Suchender.

Seisensui erkannte sein Talent. Er veröffentlichte Santōkas Haiku in der Sōun, gab ihm Feedback, ermutigte ihn. Die Beziehung war nicht die eines klassischen Meisters und Schülers, aber Seisensui war zweifellos der wichtigste literarische Einfluss in Santōkas Leben.

Später, als Santōka als wandernder Bettelmönch durch Japan zog, blieb die Verbindung zur Sōun bestehen. Die Zeitschrift veröffentlichte seine Haiku, hielt seinen Namen in der literarischen Welt präsent.

Die Philosophie

Seisensui glaubte an das, was er »Haiku des Herzens« nannte. Nicht die Form zählt, sondern die Aufrichtigkeit. Nicht die Technik, sondern die Unmittelbarkeit.

Diese Philosophie passte perfekt zu Santōkas Leben und Schreiben. Er hatte weder Zeit noch Geduld für ausgefeilte Konstruktionen. Seine Haiku entstanden unterwegs, auf staubigen Straßen, in verregneten Nächten. Sie mussten schnell sein, direkt, ohne Umwege.

Seisensui gab ihm die theoretische Rechtfertigung für das, was er instinktiv tat.

Die Kritiker

Nicht alle akzeptierten die freie Form. Traditionalisten warfen Seisensui und seinen Anhängern vor, das Haiku zu zerstören. Wenn alles erlaubt sei, könne man auch gleich Prosa schreiben. Wo sei die Disziplin, die Meisterschaft?

Seisensui ließ sich nicht beirren. Er antwortete, dass wahre Meisterschaft nicht in der Befolgung von Regeln liegt, sondern in der Fähigkeit, den Moment zu erfassen – egal in welcher Form.

Die Debatte dauert bis heute an. In Japan gibt es sowohl Schulen, die dem traditionellen Haiku folgen, als auch solche, die Seisensuis freier Form treu bleiben. Mehr über die anderen freien Haiku-Dichter, die dieser Bewegung folgten.

Das Vermächtnis

Seisensui starb 1976, 36 Jahre nach Santōka. Er hatte ein langes, produktives Leben als Dichter, Herausgeber und Lehrer geführt.

Sein größtes Vermächtnis sind vielleicht nicht seine eigenen Haiku, sondern die Dichter, die er förderte. Santōka, Ozaki Hōsai und andere – sie alle wären ohne Seisensuis Ermutigung und die Plattform der Sōun möglicherweise unbekannt geblieben.

Er öffnete eine Tür, durch die andere gehen konnten.


Santōka nannte Seisensui nie explizit seinen Lehrer. Aber ohne ihn hätte es die freien Haiku, die wir heute lesen, nicht gegeben. Der Meister bricht die Regeln, der Schüler lebt sie. Mehr über Santōkas Leben.

Die im Beitrag zitierten Haiku stammen aus dem Buch: Kein Geld keine Habe ohne Zähne ganz allein – Harsche Haiku von Taneda Santoka. Sie wurden 2025 neu übersetzt und herausgegeben von Lenny Löwenstern in der Edition Hoshitori.