Santōka und der Krieg – Die weißen Schachteln

Santōka lebte in einer Zeit des Krieges. Japan führte von 1937 bis 1945 Krieg in Asien, der Zweite Weltkrieg tobte in Europa. Er starb 1940, mitten in dieser Zeit der Gewalt. Doch in seinen Haiku findet sich kein Patriotismus, keine Kriegsbegeisterung. Nur stille Beobachtung – und Trauer.

Santōka und der Krieg – Die weißen Schachteln

Die weißen Schachteln

Eines der eindringlichsten Haiku Santōkas über den Krieg handelt nicht von Schlachten oder Helden, sondern von kleinen weißen Schachteln:

tapfer auch –
traurig auch –
weiße Schachteln

Diese weißen Schachteln (Hakokotsu) enthielten die Knochenreste gefallener Soldaten. Sie wurden zu den Familien zurückgeschickt – kleine, schmucklose Behälter, in denen ein ganzes Leben endete.

Santōka stellt Tapferkeit und Trauer nebeneinander, ohne zu werten. Beides führt zum selben Ergebnis: einer weißen Schachtel.

Der Tagebucheintrag

Am 11. Juli 1938 notierte Santōka in seinem Tagebuch:

»Heute ist der Tag, an dem die Asche der gefallenen Soldaten eintrifft. Ich nahm den Bus um zehn nach Yamaguchi … Am Bahnhof von Yamaguchi standen Ehrenwachen, trauernde Familien, Schaulustige – alle warteten unter dem grellen Sommerhimmel, ich unter ihnen. Heiß, heiß! Hin und wieder Tropfen Regen, als weinte der Himmel. Kurz nach zwölf fuhr der Zug ein. Ah – zweihundertdreißig, zweihundertvierzig Tote, eine ›triumphale Rückkehr‹ ohne Jubel, ein erbärmliches Bild. Neben den weißen Schachteln zwei, drei Gedenksträuße aus Glockenblumen, zwei, drei Tauben, die am Himmel kreisten. Gedämpftes Schluchzen, eine verhaltene Gewehrsalve, traurige Trompetentöne – während der Zug der Gefallenen langsam durch die Menge zieht, zurück zu ihrer Einheit.«

Kein Wort über Sieg oder Ehre. Nur die nüchterne Beschreibung einer traurigen Zeremonie. Die »triumphale Rückkehr« in Anführungszeichen – eine bittere Ironie.

Schweigendes Gehen

schweigend gehen wir –
kalter Regen
weiße Schachteln

Ein weiteres Haiku über die Rückkehr der Gefallenen. Keine Worte, nur Schweigen. Der kalte Regen. Die Schachteln. Ein Bild von unendlicher Traurigkeit.

Die Distanz des Beobachters

Santōka war kein politischer Dichter. Er schrieb keine Antikriegslyrik, keine Protestgedichte. Er war ein Beobachter, der festhielt, was er sah – ohne Kommentar, ohne Anklage.

Diese Distanz macht seine Kriegs-Haiku umso wirkungsvoller. Er moralisiert nicht, er zeigt nur. Und was er zeigt, spricht für sich.

Als wandernder Bettelmönch stand er ohnehin am Rand der Gesellschaft. Er war kein Teil der Kriegsmaschinerie, kein Teilnehmer am nationalen Taumel. Er ging seinen Weg, während um ihn herum die Welt brannte.

Kein Patriot, kein Widerständler

Man sollte Santōka nicht zum Pazifisten verklären. Er schrieb keine Manifeste gegen den Krieg, er organisierte keinen Widerstand. Er war einfach ein Mann, der seinen eigenen Weg ging – buchstäblich.

Aber genau diese Weigerung, sich vereinnahmen zu lassen, ist auch eine Aussage. In einer Zeit, in der Japan von Nationalismus und Militarismus durchdrungen war, blieb Santōka bei seinen Haiku über Regen, Sake und Einsamkeit.

Er schrieb über das, was er sah und fühlte – nicht über das, was er glauben sollte.

Das Ende

Santōka starb am 11. Oktober 1940, ein Jahr vor dem Angriff auf Pearl Harbor. Er erlebte das Ende des Krieges nicht, die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki nicht, die Kapitulation nicht.

Vielleicht war das eine Gnade. Er hatte genug Trauer gesehen – die weißen Schachteln, die schweigenden Trauerzüge, die Tränen der Familien. Mehr hätte er nicht ertragen müssen.

Santōkas Kriegs-Haiku sind keine politischen Statements. Sie sind Momentaufnahmen menschlichen Leids, festgehalten von einem Beobachter am Rand. Die weißen Schachteln sprechen für sich – lauter als jede Anklage.

Die im Beitrag zitierten Haiku stammen aus dem Buch: Kein Geld keine Habe ohne Zähne ganz allein – Harsche Haiku von Taneda Santoka. Sie wurden 2025 neu übersetzt und herausgegeben von Lenny Löwenstern in der Edition Hoshitori.