Im Dezember 1939 kam Santōka nach Matsuyama, in die Präfektur Ehime auf der Insel Shikoku. Er war müde, krank, am Ende seiner Wanderungen. In einer kleinen Hütte am Hang eines Hügels verbrachte er seine letzten 300 Tage. Diese Hütte, das Issōan, steht noch heute.

Der Name
Issōan bedeutet wörtlich »Ein-Gras-Hütte« – ein bescheidener Name für einen bescheidenen Ort. Die Bezeichnung passt zu Santōkas Leben: karg, einfach, dem Wesentlichen zugewandt. Dieses Prinzip der Reduktion prägte auch seine Haiku – mehr dazu unter Wabi-Sabi bei Santōka.
In seinem Tagebuch schrieb er am 11. September 1940, kurz vor seinem Tod:
»Kunst ist Treue, sie ist das Herz der Aufrichtigkeit. Der höchste Gipfel dessen, was Treue ist – und das Herz der Aufrichtigkeit – ist Dankbarkeit. Und wenn ein Haiku nicht aus einem Herzen der Dankbarkeit geboren wird, wird es nicht wahrhaft universellen Charakter haben … und es wird kaum das Herz des Menschen berühren können.«
Die Hütte
Das ursprüngliche Issōan wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Die heutige Hütte ist ein Wiederaufbau von 1952, errichtet an derselben Stelle, nach denselben Plänen.
Es ist ein traditionelles japanisches Gebäude mit schlichter Architektur. Die Wände bestehen aus weißem Putz und dunklem Holz. Große Schiebetüren aus Holz und Papier lassen sanftes Licht ins Innere. Der Eingangsbereich ist durch eine offene Veranda geschützt.
Im Inneren findet sich ein buddhistischer Schrein in einer Nische, geschmückt mit einem geflochtenen Hut der Art, die Santōka trug. Kissen liegen auf dem Boden, Besucher können sitzen und den Garten betrachten – wie Santōka selbst es tat.
Der Ort heute
Das Issōan liegt an einem Hang, umgeben von buddhistischen Tempeln und Friedhöfen. Die Gegend ist Teil des Iyo Yama no Be no Michi, einem Wanderweg, der zu Japans 500 schönsten Spaziergängen gehört.
Die Umgebung hat sich seit Santōkas Zeit verändert. Matsuyama ist gewachsen, die Stadt hat sich ausgebreitet. Nicht weit vom Issōan stehen heute Wohnblocks und Straßen. Wer die Augen hebt, sieht die urbane Realität des modernen Japan.
Aber der Garten des Issōan ist eine Oase. Hier, auf wenigen Quadratmetern, kann man noch spüren, was Santōka sah und fühlte.
Öffnungszeiten und Besuch
Der Garten des Issōan ist ganzjährig frei zugänglich. Das Innere der Hütte ist nur an Samstagen, Sonntagen und nationalen Feiertagen geöffnet, von 9:00 bis 17:00 Uhr.
Zwei Mitarbeiter betreuen das Issōan. Sie servieren Besuchern grünen Tee und erzählen von Santōkas Leben. In einem kleinen Museum nebenan sind Fotografien und Dokumente ausgestellt.
Die Adresse: 1-435-1 Miyuki, Matsuyama City. Mit der Straßenbahn etwa 15 Minuten von der Haltestelle Matsuyama Red Cross Hospital mae.
In der Nähe
Das Issōan lässt sich gut mit anderen Sehenswürdigkeiten verbinden. In der Nähe liegt der Russische Soldatenfriedhof, der an die Kriegsgefangenen des Russisch-Japanischen Krieges erinnert, sowie der Gokoku-Schrein.
Matsuyama selbst ist die Hauptstadt der Haiku-Kultur in Japan. Im Shiki Memorial Museum wird das Leben von Masaoka Shiki gefeiert, dem anderen großen Haiku-Dichter der Stadt. Überall finden sich Haiku-Stelen mit eingravierten Versen. Mehr über Santōkas Rezeption in Japan.
Das letzte Haiku
Am 11. Oktober 1940 starb Santōka im Issōan. Er schlief ein und wachte nicht mehr auf. In seinen letzten Tagen hatte er noch Haiku geschrieben, sein Tagebuch geführt, Sake getrunken.
auf dem Fels
eine Libelle –
Mittagsträume
Ob die Libelle träumt oder der Beobachter – im Issōan verschwimmen die Grenzen. Hier, wo Santōka starb, ist sein Geist noch spürbar.
Das Issōan ist kein großes Museum, kein imposantes Denkmal. Es ist eine kleine Hütte auf einem Hügel, umgeben von Tempeln und Gräbern. Genau richtig für einen Mann, der sein Leben lang wenig besaß – und genau das brauchte.
Die im Beitrag zitierten Haiku stammen aus dem Buch: Kein Geld keine Habe ohne Zähne ganz allein – Harsche Haiku von Taneda Santoka. Sie wurden 2025 neu übersetzt und herausgegeben von Lenny Löwenstern in der Edition Hoshitori.