Freie Haiku – Warum Santōka keine Silben zählte

Wer Haiku kennt, kennt die Regel: 5-7-5 Silben. Drei Zeilen, siebzehn Silben, fertig. So lernt man es in der Schule, so steht es in den Büchern. Doch Taneda Santōka hielt sich nicht daran. Seine Haiku haben manchmal zehn Silben, manchmal zwanzig, manchmal nur sechs. Er schrieb, wie er ging: ohne festes Ziel.

Was sind freie Haiku?

Was sind freie Haiku?

Im Japanischen heißt diese Form 自由律俳句 (jiyūritsu haiku) – wörtlich »Haiku mit freiem Rhythmus«. Die Bewegung entstand Anfang des 20. Jahrhunderts als Reaktion auf die strengen Regeln der klassischen Haiku-Dichtung.

Die traditionellen Haiku-Meister wie Matsuo Bashō oder Kobayashi Issa schrieben im 5-7-5-Muster. Dazu kam das kigo, ein Jahreszeitenwort, das den Vers in einen saisonalen Kontext setzte. Diese Regeln galten jahrhundertelang als unantastbar.

Dann kamen Dichter wie Ogiwara Seisensui (1884–1976), Santōkas Lehrer und Mentor. Seisensui gründete die Zeitschrift Sōun (Schichtenwolken) und propagierte eine Befreiung des Haiku von starren Formen. Für ihn war nicht die Silbenzahl entscheidend, sondern der Augenblick, die Empfindung, die Unmittelbarkeit.

Santōkas Weg zur freien Form

Santōka schloss sich dieser Bewegung an – nicht aus theoretischem Interesse, sondern aus Notwendigkeit. Sein Leben passte in keine Form. Nach dem Selbstmord seiner Mutter, dem Bankrott des Vaters, der gescheiterten Ehe und dem Alkoholismus war er ein Getriebener. 1926 wurde er Zen-Mönch und begann seine Wanderungen durch Japan.

Seine Haiku entstanden unterwegs. Auf staubigen Straßen, in verregneten Nächten, beim Betteln vor fremden Häusern. Sie mussten schnell sein, direkt, ohne Umwege. Die 5-7-5-Form hätte ihn nur aufgehalten.

Ein Beispiel:

分け入つても分け入つても青い山
wake ittemo wake ittemo aoi yama

Tiefer hinein
immer tiefer hinein –
grüne Berge

Dieses Haiku hat im Original keine 17 Silben. Es hat einen Rhythmus, der dem Gehen entspricht: monoton, wiederholend, endlos. Die Form folgt dem Inhalt.

Was bleibt vom Haiku?

Wenn man Silbenzahl und Jahreszeitenwort streicht – was macht dann ein Haiku noch zum Haiku?

Für Santōka waren es drei Dinge:

1. Der Augenblick
Ein Haiku fängt einen Moment ein, nicht eine Geschichte. Keine Vergangenheit, keine Zukunft. Nur das Jetzt.

2. Die Konkretion
Keine Abstraktionen, keine Philosophie. Regen ist Regen. Ein Stein ist ein Stein. Die Dinge sprechen für sich.

3. Die Leere
Das Ungesagte ist wichtiger als das Gesagte. Ein gutes Haiku endet nicht, es öffnet sich.

Kritik und Widerstand

Nicht alle akzeptierten diese Freiheit. Traditionalisten warfen den freien Haiku-Dichtern vor, die Form zu zerstören. Wenn alles erlaubt sei, könne man auch gleich Prosa schreiben. Wo sei die Disziplin, die Meisterschaft?

Santōka kümmerte das wenig. Er schrieb nicht für Kritiker oder Akademiker. Er schrieb für sich selbst, in seine Tagebücher, auf Zettel, die er oft verlor. Viele seiner Haiku wurden erst nach seinem Tod gesammelt und veröffentlicht.

Ein Vergleich

Klassisches Haiku (Bashō):

古池や蛙飛び込む水の音
furu ike ya kawazu tobikomu mizu no oto

Der alte Teich –
ein Frosch springt hinein,
das Geräusch des Wassers

Perfekte 5-7-5-Struktur. Ein Jahreszeitenwort (Frosch = Frühling). Ausgewogene Komposition.

Freies Haiku (Santōka):

濡れてひとり
nurete hitori

Durchnässt
allein

Zwei Wörter. Kein Jahreszeitenwort. Keine Erklärung. Und doch: ein ganzes Leben in zwei Wörtern. Mehr über dieses zentrale Thema in Hitori – Haiku der Einsamkeit.

Was wir daraus lernen können

Santōkas freie Haiku sind keine Aufforderung, alle Regeln zu ignorieren. Sie sind eine Erinnerung daran, dass Form dem Inhalt dienen sollte – nicht umgekehrt.

Wer die klassische Form beherrscht, kann sie brechen. Wer sie nie verstanden hat, bricht nur sich selbst.

Santōka hatte beide Seiten kennengelernt. Er wählte die Freiheit nicht aus Faulheit, sondern aus Ehrlichkeit. Seine Haiku sind so, wie er war: ohne Zuhause, ohne Besitz, ohne Maske. Eine detaillierte Analyse seines Stils findest du in Wie Santōka schrieb.


Weiterführende Links

Die im Beitrag zitierten Haiku stammen aus dem Buch: Kein Geld keine Habe ohne Zähne ganz allein – Harsche Haiku von Taneda Santoka. Sie wurden 2025 neu übersetzt und herausgegeben von Lenny Löwenstern in der Edition Hoshitori.