Ein schmaler alter Pilgerpfad an der Küste von Shikoku, am Wegrand verwitterte kleine Buddha-Steine, in der Ferne geht ein einsamer Mönch in schwarzer Kutte und Strohhut, Meer und grüne Hügel, bedeckter Himmel.

Haiku & Themen · 2. November 2026 · 3 Min. Lesezeit

Santōkas Wanderrouten – Eine Rekonstruktion

Santōkas Wanderrouten – Eine Rekonstruktion

Santōka war ein Wanderer ohne festes Ziel. Aber er wanderte nicht zufällig. Er folgte alten Pilgerwegen, besuchte heilige Orte, durchquerte Landschaften, die seit Jahrhunderten von Reisenden begangen wurden. Eine Rekonstruktion seiner Routen zeigt: Er kannte Japan wie kaum ein anderer.

Die Shikoku-Pilgerreise

Die berühmteste Pilgerroute Japans ist der Shikoku Henro – ein Rundweg zu 88 buddhistischen Tempeln auf der Insel Shikoku. Die Route ist rund 1.200 bis 1.400 Kilometer lang und dauert zu Fuß ein bis zwei Monate.

Santōka brach im Herbst 1939 dazu auf, schon krank und müde. Am 1. Oktober setzte er von Hiroshima nach Matsuyama über, besuchte unterwegs auf Shōdoshima das Grab des Dichters Ozaki Hōsai und zog weiter nach Kōchi. Er bettelte, schlief in billigen Herbergen und notierte, wie weit er kam: sieben, acht Ri am Tag, also knapp 30 Kilometer.

Die Pilgerreise geht auf den Mönch Kūkai (Kōbō Daishi) zurück, der im 8. Jahrhundert den Shingon-Buddhismus in Japan begründete. Pilger tragen traditionell weiße Kleidung und einen konischen Strohhut. Santōka ging in seiner schwarzen Mönchsrobe.

分け入つても分け入つても青い山
wakeittemo wakeittemo aoi yama (1926)

weiter und immer
weiter hinein –
die grünen Berge

Kyūshū – Die Heimatinsel

Santōka stammte aus dem Dorf Nishisabarei, heute Hōfu in der Präfektur Yamaguchi, am westlichen Ende der Hauptinsel Honshū. Die benachbarte Insel Kyūshū war ihm vertraut, in Kumamoto hatte er mit Frau und Sohn gelebt.

Viele seiner Wanderungen führten durch Kyūshū. Im Herbst 1930 zog er wochenlang durch Miyazaki, bettelte auf staubigen Landstraßen, übernachtete in Herbergen voller sonderbarer Gestalten und lobte in seinem Tagebuch die heißen Quellen.

morgendliches Bad
das Wasser schwappt über –
ich mittendrin

Honshū – Kreuz und quer

Auch die Hauptinsel Honshū durchwanderte Santōka immer wieder, auf Küstenstraßen und Bergpfaden, mit Abstechern bis nach Tokio. Zwischen 1932 und 1938 hatte er mit dem Gōchū-an bei Hōfu eine eigene Hütte, von der aus er aufbrach und zu der er zurückkehrte.

In seinem Tagebuch notierte er die Orte, die Gasthäuser, die Tempel. Aber er führte keine systematische Karte, und seine Tagebücher vor 1930 hat er selbst verbrannt. Seine Routen lassen sich nur aus verstreuten Einträgen rekonstruieren.

Das letzte Ziel: Matsuyama

Am Ende der Pilgerreise blieb Santōka in Matsuyama. Ab dem 15. Dezember 1939 wohnte er im Issōan, müde, krank, am Ende seiner Kräfte. Hier verbrachte er seine letzten Monate.

Matsuyama war kein zufälliges Ziel. Die Stadt war und ist ein Zentrum der Haiku-Kultur. Hier wurde Masaoka Shiki geboren, der andere große Erneuerer des Haiku. Hier gibt es Dichter-Eremitagen, Haiku-Stelen, ein lebendiges literarisches Leben.

Für Santōka war es ein guter Ort zum Sterben.

Die Zahlen

Wie viele Kilometer Santōka insgesamt zurücklegte, lässt sich nicht genau sagen. Eine belastbare Zahl gibt es nicht.

Sicher ist: Ab 1926 zog er als Bettelmönch umher, bis zu seinem Tod 1940, mit längeren Pausen in seinen Hütten. An guten Tagen schaffte er 25 bis 30 Kilometer. Allein die Shikoku-Runde misst weit über tausend Kilometer.

Zusammengerechnet dürften es viele zehntausend Kilometer gewesen sein, alle zu Fuß, die meisten in Strohsandalen.

Der Weg als Praxis

Für Santōka war das Wandern keine Fortbewegung, sondern eine spirituelle Praxis. Der japanische Begriff »Unsui« – Wolke und Wasser – beschreibt diese Art des Lebens: ziellos treiben wie Wolken, fließen wie Wasser.

Seine Haiku entstanden unterwegs, im Rhythmus der Schritte, im Wechsel von Sonne und Regen, Hunger und Sättigung, Einsamkeit und flüchtiger Begegnung.

この道しかない一人であるく
kono michi shika nai hitori de aruku

es gibt nur diesen Weg –
und ich gehe
ihn allein


Santōkas Wanderrouten waren keine touristischen Reisen. Sie waren sein Leben. Jeder Schritt war ein Haiku, jeder Weg ein Gedicht. Wer heute seinen Spuren folgen will, kann die Shikoku-Pilgerreise antreten oder das Issōan in Matsuyama besuchen. Die Wege sind noch da.

Weiterführende Links

Die im Beitrag zitierten Haiku stammen aus dem Buch: Kein Geld keine Habe ohne Zähne ganz allein – Harsche Haiku von Taneda Santoka. Sie wurden 2025 neu übersetzt und herausgegeben von Lenny Löwenstern in der Edition Hoshitori.