Ein Wandermönch mit Strohhut und schwarzer Kutte stemmt sich auf einer Küstenstraße gegen einen Sturm, der Regen peitscht von der Seite, Kiefern biegen sich, graue See mit weißen Wellen, Schlamm und Pfützen.

Haiku & Themen · 2. November 2026 · 4 Min. Lesezeit

Regen, Schnee und Wind – Santōka im Wetter

Regen, Schnee und Wind – Santōka im Wetter

Santōka hatte keine Outdoor-Ausrüstung, keine Gore-Tex-Jacke, keinen Regenschirm. Er hatte einen Strohhut, eine Mönchsrobe und Strohsandalen. Wenn es regnete, wurde er nass. Wenn es schneite, wurde er kalt. Wenn die Sonne brannte, brannte sie auf ihn.

Seine Haiku über das Wetter sind keine meteorologischen Beobachtungen. Sie sind körperliche Erfahrungen, unmittelbar und ungeschont. Man spürt die Nässe, die Kälte, den Wind.

Der Regen

降るままぬれるままで歩く
furu mama nureru mama de aruku

es regnet
ich werde nass –
ich gehe

Dieses Haiku ist die Quintessenz seiner Philosophie: Das Leben hinnehmen, wie es ist. Nicht mehr, nicht weniger. Es regnet – also wird man nass. Was sonst?

weil ich es will
gehe ich im Regen
durchnässt weiter

Hier klingt fast so etwas wie Trotz durch. Er geht nicht nur weiter, weil er muss – er will es. Der Regen ist kein Hindernis, sondern Teil des Weges.

笠へぽたりぽたりとしぐれかな
kasa e potari potari to shigure kana

auf meinen Hut
tropft und tropft es –
Winterregen

Das monotone Tropfen wird fast zur Folter. Die Wiederholung »tropft und tropft« verstärkt das Gefühl von Endlosigkeit.

kyō mo nurete shiranai michi o yuku

wieder durchnässt –
ich gehe einen Weg
den ich nicht kenne

Zwei Ungewissheiten überlagern sich: das Wetter und der Weg. Beides ist außer Kontrolle. Er geht trotzdem.

しぐれてぬれて旅ごろもしぼつてはゆく
shigurete nurete tabigoromo shibotte wa yuku

Herbstniesel –
mein nasses Gewand wringen
weitergehen

Eine alltägliche Handlung, beschwerlich und notwendig. Das Gewand auswringen und weitergehen – so einfach, so hart.

Der Schnee

nezame yuki furu sabishigaru dewa naiga

ich wache auf
Schnee fällt –
nicht dass ich einsam wäre …

Humor angesichts unglücklicher Umstände. Er schläft draußen, es beginnt zu schneien. Die Schneeflocken leisten ihm Gesellschaft – eine ironische Feststellung.

こしかたゆくすえ雪あかりする
koshikata yukusue yuki-akari suru

der Weg hinter mir
der Weg vor mir –
gleißender Schnee

Alles ist weiß, endlos, ununterscheidbar. Der Schnee löscht die Orientierung aus. Nur noch Weg, überall.

安か安か寒か寒か雪雪
yasuka yasuka samuka samuka yuki yuki

ruhig ruhig
kalt kalt
Schnee Schnee

Minimalistisch bis an die Schmerzgrenze. Keine Verben, keine Handlung. Nur Zustände, gedoppelt, wie ein Mantra.

yuki no akarusa ga ie ippai no shizukesa

die Helligkeit des Schnees
füllt das Haus –
Stille

Ein seltener Moment der Ruhe. Der Schnee bringt nicht nur Kälte, sondern auch Licht und Stille. Fast schön.

Der Wind

秋風あるいてもあるいても
aki kaze aruite mo aruite mo

Herbstwind –
immer weitergehen
immer weiter …

Der Wind treibt ihn vor sich her. Die Wiederholung »immer weiter« entspricht dem endlosen Gehen, dem endlosen Herbst.

Herbstwind –
ich bin endgültig
zum Wanderer geworden

Hier ist der Wind nicht nur Begleiter, sondern Katalysator. Mit ihm zusammen gibt es keine Umkehr mehr.

風の中おのれを責めつつ歩く
kaze no naka onore o semetsutsu aruku (1938)

im Wind
ich mache mir Vorwürfe
ich gehe

Der Wind als Hintergrundgeräusch für seine Gedanken. Er grübelt, er hadert – und geht trotzdem weiter.

寒い雲がいそぐ
samui kumo ga isogu (1931)

eine kalte Wolke –
sie eilt dem
Wind voraus

Die Wolke ist schneller als der Wind selbst. Ein Bild von Kälte und Geschwindigkeit, von etwas, das unaufhaltsam auf ihn zukommt.

Die Sonne

炎天のレールまつすぐ
enten no reeru massugu

glühende Hitze –
die Gleise
völlig gerade

Die Sonne steht erbarmungslos am Himmel. Die Gleise verlaufen schnurgerade, ohne Schatten, ohne Abzweigung. Erdrückend.

炎天をいただいて乞ひ歩く
enten o itadaite koi aruku (1926)

die Sonne glost
sei’s drum …
betteln, wandern

Resignation und Akzeptanz. Die Hitze ist da, aber das Tagesgeschäft geht weiter. Betteln, wandern – egal bei welchem Wetter.

あたらしい法衣いっぱいの陽があたたかい
atarashii hōe ippai no hi ga atatakai

meine neue Robe –
voller Sonnenlicht
und so warm

Ein seltener, positiver Moment. Die Sonne wärmt, die Robe ist neu. Für einmal ist alles gut.

Wenn das Wetter Gesellschaft wird

木かげは風がある旅人どうし
kokage ha kaze ga aru tabibito doushi

im Schatten der Bäume –
der Wind ist da
mein Wandergefährte

Der Wind ist sein Begleiter, weil sonst niemand da ist. Keine Menschen, nur die Elemente.

Am 4. November 1939 schrieb er in sein Tagebuch:

»Es begann heftig zu regnen und der Wind blies heftig … Er blies mir den Hut vom Kopf und auch meine Brille flog davon – was für ein Schlamassel! Aber ein vorbeikommender Grundschüler holte sie mir – vielen, vielen Dank! Der Regen wurde immer stärker, der Wind immer stärker – mir blieb nichts anderes übrig, als in Okutomo zu übernachten – aber keines der Gasthäuser wollte mich aufnehmen. »Lass es sein!«, sage ich nur und gehe, aussehend wie eine ertrunkene Ratte, weiter.«


Santōkas Wetter-Haiku sind keine Naturlyrik im klassischen Sinn. Sie sind Überlebensberichte, verwandt mit seinen Trinkversen. Der Regen, der Schnee, der Wind – sie sind nicht Kulisse, sondern Gegner und Gefährten zugleich. Er stand ihnen schutzlos gegenüber. Und genau das macht seine Verse so unmittelbar.

Weiterführende Links

Die im Beitrag zitierten Haiku stammen aus dem Buch: Kein Geld keine Habe ohne Zähne ganz allein – Harsche Haiku von Taneda Santoka. Sie wurden 2025 neu übersetzt und herausgegeben von Lenny Löwenstern in der Edition Hoshitori.