Santōka hatte keine Outdoor-Ausrüstung, keine Gore-Tex-Jacke, keinen Regenschirm. Er hatte einen Strohhut, eine Mönchsrobe und Strohsandalen. Wenn es regnete, wurde er nass. Wenn es schneite, wurde er kalt. Wenn die Sonne brannte, brannte sie auf ihn.
Seine Haiku über das Wetter sind keine meteorologischen Beobachtungen. Sie sind körperliche Erfahrungen, unmittelbar und ungeschont. Man spürt die Nässe, die Kälte, den Wind.
Der Regen
降るままぬれるままで歩く
furu mama nureru mama de arukues regnet
ich werde nass –
ich gehe
Dieses Haiku ist die Quintessenz seiner Philosophie: Das Leben hinnehmen, wie es ist. Nicht mehr, nicht weniger. Es regnet – also wird man nass. Was sonst?
weil ich es will
gehe ich im Regen
durchnässt weiter
Hier klingt fast so etwas wie Trotz durch. Er geht nicht nur weiter, weil er muss – er will es. Der Regen ist kein Hindernis, sondern Teil des Weges.
笠へぽたりぽたりとしぐれかな
kasa e potari potari to shigure kanaauf meinen Hut
tropft und tropft es –
Winterregen
Das monotone Tropfen wird fast zur Folter. Die Wiederholung »tropft und tropft« verstärkt das Gefühl von Endlosigkeit.
kyō mo nurete shiranai michi o yuku
wieder durchnässt –
ich gehe einen Weg
den ich nicht kenne
Zwei Ungewissheiten überlagern sich: das Wetter und der Weg. Beides ist außer Kontrolle. Er geht trotzdem.
しぐれてぬれて旅ごろもしぼつてはゆく
shigurete nurete tabigoromo shibotte wa yukuHerbstniesel –
mein nasses Gewand wringen
weitergehen
Eine alltägliche Handlung, beschwerlich und notwendig. Das Gewand auswringen und weitergehen – so einfach, so hart.
Der Schnee
nezame yuki furu sabishigaru dewa naiga
ich wache auf
Schnee fällt –
nicht dass ich einsam wäre …
Humor angesichts unglücklicher Umstände. Er schläft draußen, es beginnt zu schneien. Die Schneeflocken leisten ihm Gesellschaft – eine ironische Feststellung.
こしかたゆくすえ雪あかりする
koshikata yukusue yuki-akari suruder Weg hinter mir
der Weg vor mir –
gleißender Schnee
Alles ist weiß, endlos, ununterscheidbar. Der Schnee löscht die Orientierung aus. Nur noch Weg, überall.
安か安か寒か寒か雪雪
yasuka yasuka samuka samuka yuki yukiruhig ruhig
kalt kalt
Schnee Schnee
Minimalistisch bis an die Schmerzgrenze. Keine Verben, keine Handlung. Nur Zustände, gedoppelt, wie ein Mantra.
yuki no akarusa ga ie ippai no shizukesa
die Helligkeit des Schnees
füllt das Haus –
Stille
Ein seltener Moment der Ruhe. Der Schnee bringt nicht nur Kälte, sondern auch Licht und Stille. Fast schön.
Der Wind
秋風あるいてもあるいても
aki kaze aruite mo aruite moHerbstwind –
immer weitergehen
immer weiter …
Der Wind treibt ihn vor sich her. Die Wiederholung »immer weiter« entspricht dem endlosen Gehen, dem endlosen Herbst.
Herbstwind –
ich bin endgültig
zum Wanderer geworden
Hier ist der Wind nicht nur Begleiter, sondern Katalysator. Mit ihm zusammen gibt es keine Umkehr mehr.
風の中おのれを責めつつ歩く
kaze no naka onore o semetsutsu aruku (1938)im Wind
ich mache mir Vorwürfe
ich gehe
Der Wind als Hintergrundgeräusch für seine Gedanken. Er grübelt, er hadert – und geht trotzdem weiter.
寒い雲がいそぐ
samui kumo ga isogu (1931)eine kalte Wolke –
sie eilt dem
Wind voraus
Die Wolke ist schneller als der Wind selbst. Ein Bild von Kälte und Geschwindigkeit, von etwas, das unaufhaltsam auf ihn zukommt.
Die Sonne
炎天のレールまつすぐ
enten no reeru massuguglühende Hitze –
die Gleise
völlig gerade
Die Sonne steht erbarmungslos am Himmel. Die Gleise verlaufen schnurgerade, ohne Schatten, ohne Abzweigung. Erdrückend.
炎天をいただいて乞ひ歩く
enten o itadaite koi aruku (1926)die Sonne glost
sei’s drum …
betteln, wandern
Resignation und Akzeptanz. Die Hitze ist da, aber das Tagesgeschäft geht weiter. Betteln, wandern – egal bei welchem Wetter.
あたらしい法衣いっぱいの陽があたたかい
atarashii hōe ippai no hi ga atatakaimeine neue Robe –
voller Sonnenlicht
und so warm
Ein seltener, positiver Moment. Die Sonne wärmt, die Robe ist neu. Für einmal ist alles gut.
Wenn das Wetter Gesellschaft wird
木かげは風がある旅人どうし
kokage ha kaze ga aru tabibito doushiim Schatten der Bäume –
der Wind ist da
mein Wandergefährte
Der Wind ist sein Begleiter, weil sonst niemand da ist. Keine Menschen, nur die Elemente.
Am 4. November 1939 schrieb er in sein Tagebuch:
»Es begann heftig zu regnen und der Wind blies heftig … Er blies mir den Hut vom Kopf und auch meine Brille flog davon – was für ein Schlamassel! Aber ein vorbeikommender Grundschüler holte sie mir – vielen, vielen Dank! Der Regen wurde immer stärker, der Wind immer stärker – mir blieb nichts anderes übrig, als in Okutomo zu übernachten – aber keines der Gasthäuser wollte mich aufnehmen. »Lass es sein!«, sage ich nur und gehe, aussehend wie eine ertrunkene Ratte, weiter.«
Santōkas Wetter-Haiku sind keine Naturlyrik im klassischen Sinn. Sie sind Überlebensberichte, verwandt mit seinen Trinkversen. Der Regen, der Schnee, der Wind – sie sind nicht Kulisse, sondern Gegner und Gefährten zugleich. Er stand ihnen schutzlos gegenüber. Und genau das macht seine Verse so unmittelbar.
Weiterführende Links
- Santōkas Tagebuch der Shikoku-Reise 1939 (Terebess Asia Online, PDF, englisch)
- Taneda Santōka: Haiku im Original und in Übersetzungen (Terebess Asia Online)
Die im Beitrag zitierten Haiku stammen aus dem Buch: Kein Geld keine Habe ohne Zähne ganz allein – Harsche Haiku von Taneda Santoka. Sie wurden 2025 neu übersetzt und herausgegeben von Lenny Löwenstern in der Edition Hoshitori.
